MSW-Effekt

Überlebenswahrscheinlichkeit solarer Elektron-Neutrinos über der Energie, mit gemessenen Punkten. Beschriftung englisch.
Überlebenswahrscheinlichkeit solarer Elektron-Neutrinos über der Energie, mit gemessenen Punkten. Beschriftung englisch.Foto: Francesco Vissani, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

Der MSW-Effekt erklärt, warum sich Neutrinos in Materie anders verhalten als im Vakuum. Er ist die Auflösung des solaren Neutrinoproblems und benannt nach Mikhejew, Smirnow und Wolfenstein.

Der Grundgedanke

Ein Neutrino, das Materie durchquert, trifft ständig auf Elektronen, Protonen und Neutronen. Wechselwirkungen sind selten — aber selbst ohne echten Stoß spürt das Teilchen die Umgebung, ähnlich wie Licht in Glas langsamer wird, ohne einzelne Photonen zu verlieren.

Entscheidend ist eine Ungleichbehandlung. Alle drei Neutrinoarten können über das Z-Boson an Materie streuen. Aber nur das Elektron-Neutrino kann zusätzlich über das W-Boson mit Elektronen wechselwirken — denn nur für dieses gibt es einen passenden Partner in gewöhnlicher Materie.

Das Elektron-Neutrino erfährt dadurch ein zusätzliches Potential. Es bewegt sich gewissermaßen durch ein anderes Medium als seine beiden Geschwister.

Lincoln Wolfenstein beschrieb diesen Effekt 1978.

Die Resonanz

Stanislaw Mikhejew und Alexei Smirnow zeigten 1985, dass daraus in einem Stern etwas Bemerkenswertes folgt.

Im Sonnenkern ist die Dichte enorm hoch. Auf dem Weg nach außen nimmt sie stetig ab, bis das Neutrino ins Vakuum austritt. Irgendwo auf diesem Weg durchläuft es eine Dichte, bei der das zusätzliche Potential genau die Massendifferenz aufwiegt.

An dieser Stelle wird die Mischung maximal — die Umwandlung von einer Art in die andere läuft dort am wirksamsten ab. Geschieht der Übergang langsam genug, folgt das Neutrino der sich ändernden Umgebung und verlässt die Sonne überwiegend als eine andere Art, als es entstanden ist.

Warum das energieabhängig ist

Hier liegt der Punkt, an dem sich der Effekt beweisen ließ.

Die Resonanzdichte hängt von der Energie des Neutrinos ab. Energiereiche Neutrinos finden ihre Resonanz tief im Sonnenkern und werden stark umgewandelt. Energiearme Neutrinos erreichen die passende Dichte gar nicht mehr — sie oszillieren einfach wie im Vakuum.

Daraus folgt eine Vorhersage, die sich messen lässt:

Energiebereicherwartetes Überleben als Elektron-Neutrino
unter 1 MeV, etwa pp-Neutrinosrund 55 Prozent, Vakuumverhalten
über 5 MeV, etwa Bor-8rund 30 Prozent, MSW-Bereich

Genau dieses Muster fanden die Experimente. Das Homestake-Experiment mit hoher Schwelle sah ein Drittel, GALLEX und SAGE mit niedriger Schwelle etwa 60 Prozent. Borexino vermaß später den Übergangsbereich dazwischen und bestätigte die vorhergesagte Kurve.

Warum das so überzeugend ist

Ein Modellfehler bei der Sonne hätte alle Energien gleichmäßig betroffen. Eine einfache Vakuumoszillation hätte ebenfalls ein anderes Muster ergeben.

Der MSW-Effekt sagte die Form der Energieabhängigkeit voraus, bevor sie gemessen war — und sie stimmte. Das ist die stärkste Art von Beleg, die die Physik kennt.

Wo er heute eine Rolle spielt

Der Effekt ist längst kein Sonderfall der Sonne mehr, sondern ein Werkzeug.

Die Massenreihenfolge. Beim Durchgang durch die Erdkruste wirkt der Effekt unterschiedlich, je nachdem welche Neutrinomasse die größte ist. DUNE nutzt genau das auf seiner 1.300 Kilometer langen Strecke, ebenso der ORCA-Teil von KM3NeT mit atmosphärischen Neutrinos.

Supernovae. Im kollabierenden Sternkern herrschen Dichten, bei denen der Effekt das gesamte Neutrinospektrum umformt. Bei einer künftigen Supernova ließe sich daraus auf die Vorgänge im Inneren schließen.

Verwandte Begriffe

Quellen

  • L. Wolfenstein: Neutrino oscillations in matter, Physical Review D 17, 2369 (1978).
  • S. P. Mikheyev, A. Yu. Smirnov: Resonance amplification of oscillations in matter and spectroscopy of solar neutrinos, Soviet Journal of Nuclear Physics 42, 913 (1985).