COHERENT

Luftaufnahme der Spallationsneutronenquelle in Oak Ridge, an der COHERENT den Nachweis führte — die Anlage, nicht der Detektor selbst.
Luftaufnahme der Spallationsneutronenquelle in Oak Ridge, an der COHERENT den Nachweis führte — die Anlage, nicht der Detektor selbst.Foto: ENERGY.GOV, Public domain, Wikimedia Commons

COHERENT ist die Kollaboration, die 2017 einen 43 Jahre alten Vorhersage-Rückstand einlöste: Sie wies erstmals die kohärente elastische Neutrino-Kern-Streuung nach. Die Arbeit erschien am 15. September 2017 in Science und zählt zu den viel zitierten Ergebnissen der Neutrinophysik.

Der Versuchsaufbau

Der Nachweis gelang an der Spallationsneutronenquelle des Oak Ridge National Laboratory in Tennessee. Dort trifft ein gepulster Protonenstrahl auf ein Quecksilbertarget; neben Neutronen entstehen dabei Pionen, die in Myonen und Neutrinos zerfallen. Das Ergebnis ist eine der intensivsten Quellen für Neutrinos im Bereich weniger zehn MeV — genau dem Energiefenster, in dem die kohärente Streuung stattfindet.

Der Detektor war bemerkenswert klein: ein Szintillationskristall aus Cäsiumiodid mit Natriumzusatz, 14,6 Kilogramm schwer. Zum Vergleich brauchen andere Neutrinoexperimente Tausende von Tonnen. Genau das ist die Pointe der kohärenten Streuung — ihr Wirkungsquerschnitt ist so viel größer, dass ein Detektor von der Größe einer Wassermelone genügt.

Der gepulste Strahl war der zweite Trick. Weil die Neutrinos in scharf definierten Zeitfenstern eintreffen, ließ sich das Signal vom Untergrund trennen, indem man einfach nur zur richtigen Nanosekunde hinsah.

Das Ergebnis

Nach fünfzehn Monaten Messzeit lag der Nachweis bei 6,7 σ — deutlich über den 5 σ, die in der Teilchenphysik als Entdeckungsschwelle gelten. Die Zahl der beobachteten Ereignisse stimmte mit der Vorhersage des Standardmodells überein.

Bestätigt wurde damit auch die charakteristische Signatur des Prozesses: Der Wirkungsquerschnitt wächst mit dem Quadrat der Neutronenzahl des Targetkerns. Das ist kein Detail, sondern der Fingerabdruck der Kohärenz — der Kern reagiert als Ganzes, nicht als Ansammlung einzelner Nukleonen.

2020 legte die Kollaboration mit Argon nach und wies den Prozess an einem zweiten Kernmaterial nach. 2022 folgten die Messungen an Cäsiumiodid mit deutlich verbesserter Statistik.

Warum es so lange gedauert hat

Daniel Z. Freedman sagte den Prozess 1974 voraus und schrieb schon damals, sein Nachweis werde schwierig — nicht weil die Wechselwirkung selten wäre, sondern weil sie so wenig hinterlässt. Der angestoßene Atomkern bewegt sich nur um wenige Kiloelektronenvolt, ein Rückstoß im Bereich weniger Nanometer. Solche Signale zu messen, brauchte vier Jahrzehnte Fortschritt in Detektortechnik, Kühlung und Untergrundunterdrückung.

Dass es am Ende ein Detektor von 14,6 Kilogramm war, der die Sache entschied, gehört zu den schönen Wendungen dieser Geschichte.

Bedeutung

Für die Grundlagenphysik eröffnete COHERENT ein neues Fenster: Die kohärente Streuung ist empfindlich für Physik jenseits des Standardmodells und dient inzwischen als Werkzeug, um die schwache Kernladung und mögliche neue Wechselwirkungen zu vermessen. Sie ist außerdem der unvermeidliche Untergrund für Detektoren, die nach dunkler Materie suchen — das sogenannte Neutrino-Nebel.

Für die Neutrinovoltaik ist COHERENT der zweite der drei Anker. Der Nobelpreis 2015 zeigte, dass Neutrinos Masse und damit Impuls tragen; COHERENT zeigte 2017, dass dieser Impuls tatsächlich auf einen Atomkern übergeht — und zwar über den größten Kanal, den es bei niedrigen Energien gibt.

Verwandte Begriffe

Quellen

  • D. Akimov u. a. (COHERENT-Kollaboration): Observation of coherent elastic neutrino-nucleus scattering. Science 357, 1123–1126 (2017).
  • D. Akimov u. a.: First measurement of coherent elastic neutrino-nucleus scattering on argon. Physical Review Letters 126, 012002 (2021).
  • D. Akimov u. a.: Measurement of the coherent elastic neutrino-nucleus scattering cross section on CsI. Physical Review Letters 129, 081801 (2022).
  • D. Z. Freedman: Physical Review D 9, 1389 (1974).