Wirkungsquerschnitt

Wirkungsquerschnitte für Photonen in Blei über der Energie — ein Beispiel für die Energieabhängigkeit, nicht für Neutrinos. Beschriftung englisch.
Wirkungsquerschnitte für Photonen in Blei über der Energie — ein Beispiel für die Energieabhängigkeit, nicht für Neutrinos. Beschriftung englisch.Foto: Joshua hykes, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons

Der Wirkungsquerschnitt ist das Maß dafür, wie wahrscheinlich es ist, dass ein einfallendes Teilchen mit einem Zielteilchen in Wechselwirkung tritt. Er trägt das Formelzeichen σ und hat die Dimension einer Fläche — daher der Name.

In der Mastergleichung der Neutrinovoltaik steht er als σ_eff(E).

Die anschauliche Bedeutung

Man stelle sich das Zielteilchen als Scheibe vor, die dem einfallenden Teilchen entgegensteht. Trifft das Teilchen die Scheibe, kommt es zur Wechselwirkung; verfehlt es sie, fliegt es ungestört weiter. Der Wirkungsquerschnitt ist die Fläche dieser gedachten Scheibe.

Diese Scheibe hat allerdings wenig mit der geometrischen Größe des Zielteilchens zu tun. Sie kann viel kleiner sein als der Atomkern — bei Neutrinos ist sie das dramatisch — oder unter besonderen Bedingungen auch größer. Sie ist ein Maß für die Kopplungsstärke, nicht für die Ausdehnung.

Die übliche Einheit ist das Barn: 1 barn = 10⁻²⁴ cm². Der Name ist ein Stück Physikerhumor aus dem Manhattan-Projekt — ein Kern von dieser Größe galt als so leicht zu treffen wie eine Scheunenwand. Für Neutrinos sind die typischen Werte um viele Größenordnungen kleiner.

Warum σ von der Energie abhängt

Der Wirkungsquerschnitt ist keine feste Zahl, sondern eine Funktion der Energie — deshalb steht in der Mastergleichung σ_eff(E) und nicht σ_eff. Dieselbe Teilchensorte kann bei verschiedenen Energien um viele Größenordnungen unterschiedlich stark koppeln.

Die maßgebliche Übersicht dazu stammt von J. A. Formaggio und G. P. Zeller: From eV to EeV — Neutrino cross sections across energy scales (Reviews of Modern Physics 84, 1307, 2012). Sie spannt den Bogen über etwa zwanzig Größenordnungen in der Energie und ist die Standardreferenz, wenn Neutrino-Wechselwirkungsraten abgeschätzt werden.

Der Sonderfall der kohärenten Streuung

Bei der kohärenten elastischen Neutrino-Kern-Streuung tritt ein Effekt auf, der den Wirkungsquerschnitt deutlich anhebt: Weil der Kern als Ganzes reagiert, addieren sich die Beiträge der einzelnen Nukleonen phasengleich. Der Wirkungsquerschnitt wächst dadurch näherungsweise mit dem Quadrat der Neutronenzahl statt nur mit ihrer Summe.

Bei einem schweren Kern wie Cäsium oder Iod — die COHERENT-Kollaboration verwendete Cäsiumiodid — macht das einen Unterschied um mehrere Größenordnungen. Das ist der Grund, warum dieser Prozess unter allen Neutrinokopplungen bei niedrigen Energien den größten Wirkungsquerschnitt besitzt.

Was „effektiv" in σ_eff bedeutet

Die Mastergleichung schreibt nicht σ, sondern σ_eff. Das Beiwort steht dort für eine zusammengefasste Größe: Nach Darstellung der Neutrino® Energy Group soll sie nicht nur die reine Neutrino-Kern-Kopplung enthalten, sondern die gesamte effektive Ankopplung des verwendeten Materials an die eingehenden Flüsse — einschließlich der Eigenschaften der Nanostrukturen.

Als weitere Beiträge zu dieser Größe führt die Gruppe unter anderem Arbeiten zur Flexoelektrizität in zweidimensionalen Materialien an (Small, 2024).

Damit ist σ_eff kein gemessener Literaturwert, sondern eine Modellgröße des Ansatzes. Ihr Zahlenwert entscheidet maßgeblich über das Ergebnis der Gleichung.

Verwandte Begriffe

Quellen

  • J. A. Formaggio, G. P. Zeller: From eV to EeV: Neutrino cross sections across energy scales. Reviews of Modern Physics 84, 1307 (2012).
  • D. Z. Freedman: Physical Review D 9, 1389 (1974).
  • D. Akimov u. a. (COHERENT): Science 357, 1123–1126 (2017).
  • Neutrino® Energy Group: Publikationsverzeichnis, neutrino-energy.com, abgerufen am 2. September 2026.